Wandern

Wenn ich so in meinem Leben zurückschaue, dann hatte ich irgendwie eine ganze Reihe Erlebnisse, die mit einem Berg zu tun hatten. Vor vielen Jahren bin ich mit einer Pfadfindergruppe auf den Monte Simone in den italienischen Südalpen in Friaul-Julisch Venetien gewandert. Man kann den Berg von einer Seite her über eine Straße bis fast ganz nach oben laufen, auf der anderen geht ein sehr steiler Wanderpfad die 1215 Meter Höhe hinauf.

Vom Gipfel nichts zu sehen

Für diesen entschieden wir uns. Der Weg war so steil, dass wir zum Teil auf allen Vieren krabbeln mussten, zumal wir schwere Rucksäcke auf dem Rücken hatten, weil wir eine Nacht oben auf dem Gipfel übernachten wollten. Es dauerte viele Stunden, dann wurde es flacher – aber vom Gipfel nichts zu sehen.

Hügel zu Hügel

Noch ein Hügel, dann musste er erreicht sein. Aber, als wir an der Spitze des Hügels waren, erblickten wir den nächsten Hügel. Auch das ging eine ganze lange Zeit so – und ich weiß nicht, was uns mehr auslaugte, der steile Anstieg oder dieses endlose von Hügel zu Hügel. Irgendwann kam ein kleines Wäldchen, dann waren wir oben.

Die Hand vor Augen nicht mehr sehen

Wir waren aufgeregt, weil wir uns auf den Blick ins Tal freuten. Aber der fiel aus, denn oben auf der Bergspitze lag ein Nebel, wie ich ihn noch nie so dicht gesehen habe. Wir fanden noch die kleine Kapelle, die dort oben steht, dann konnte man die Hand vor Augen nicht mehr sehen.

Verstecken

Natürlich fanden wir das lustig und fingen an, ausgelassen Verstecken zu spielen, so sehr fiel die Anstrengung des Tages plötzlich von uns ab. Alle rannten in irgendeine Richtung und waren schnell weder zu sehen noch zu hören. Als ich mich irgendwann hinter einem Busch versteckte, klopfte mein Verstand plötzlich ziemlich massiv an.

Wenn wir die Hand vor Augen nicht sehen, dann sehen wir auch nicht, ob wir in Richtung eines Abgrundes rennen. Ich versuchte, die anderen zu rufen, aber der Nebel schluckte den Schall sofort. Was, wenn jemand hinfällt und sich weh tut? Wir würden ihn noch nicht einmal schreien hören. Mein Herz raste, und ich war mehr als froh, als irgendwann alle wieder gesund und munter bei der Kapelle angekommen waren.

Nichts sehen

Wenn man absolut nichts sieht, wenn man nach vorne schaut, dann ist das auf der einen Seite faszinierend, auf der anderen aber auch beängstigend – zumindest, wenn man darüber nachdenkt. In unserem Leben können wir auch kaum weiter schauen, als bis zum nächsten Atemzug. Wir können Träume haben, Pläne schmieden, vorsorgen – wir wissen aber nicht, was die Zukunft bringt.

Dicker Nebel

Wir sind, wenn wir ehrlich sind, genauso blind, als stünden wir in einem dicken Nebel. Ich weiß nicht, ob ich morgen gesund bin oder krank, ob ich meinen Arbeitsplatz noch habe oder nicht. Ich weiß nicht, ob mich Unglück trifft oder ich „sechs Richtige im Lotto“ gewinne (gut, dazu müsste ich erst einmal einen Schein ausfüllen – die Chancen stehen also sehr gering).

Wunderbarer Ausblick

Auch das beunruhigt mich, wenn ich darüber nachdenke. Ich habe gesehen, wie „Chancenlose“ auf die Füße fielen, aber auch, wie junge, gesunde Menschen plötzlich starben. Was mir Halt gibt, ist, wenn am Morgen (um bei dem Bild des Monte Simeone zu bleiben) die Sonne durch den Nebel bricht und es klar wird.  Wir hatten nach der Nacht, die wir in der Kapelle verbrachten, einen traumhaften Morgen mit einem wunderbaren Ausblick. 

Gott kennenlernen

Gott bietet uns an, dass wir ihn kennenlernen dürfen. Er ist kein ferner, unbekannter Gott. Gerade in Zeiten, in denen ich keine Orientierung habe, aber auch, wenn der Morgen mit blauem Himmel und Sonnenschein anbricht, sagt er: „Seid still und erkennt, dass ich Gott bin“ (Psalm 46, 11). Ich weiß immer noch nicht, was mir das Morgen bringt, aber ich weiß mich in guten Händen, weil ich Gott kennengelernt habe und an meiner Seite weiß.
 

Blick

Ich wünsche uns, dass das Licht den Nebel unseres Lebens durchbricht und der Blick klar wird und weit.
 
Sei gesegnet 

Weitere Gedanken und einen Song zum Tag gibt es hier: – zum selbst Lesen oder Weiterleiten – https://juergens-gedanken.blogspot.com

Jürgen Ferrary für GottinBerlin.de