Mit mit einem Karton auf dem Kopf

Urteilen – beurteilen – verurteilen …

irgendwie steckt das in uns Menschen drin. Gerade im Verurteilen sind wir sehr schnell. Geprägt und nie ganz losgelassen hat mich eine Geschichte aus der Zeit, als ich ganz frisch Christ geworden war:

Ich bin zu dieser Zeit in eine Gemeinde gegangen, die in „Form und Lehre konservativ“ war. Schnell übernahm ich Verantwortung, durfte ab und an predigen, dekorierte den Schaukasten und leitete den Jugendkreis mit. 

Einer der Leute aus diesem Kreis, der mir damals ein Freund wurde, klingelte irgendwann nachmittags bei mir zu Hause an der Tür. Er war total verzweifelt, denn seine Freundin war trotz Pille schwanger geworden. Für beide war klar, sie wollen die Konsequenzen daraus tragen, sie wollten heiraten und als Familie das Kind großziehen.

Deshalb war der junge Mann zum Pastor gegangen und hatte ihm den „Vorfall“ gebeichtet. Als Antwort hatte er keine aufmunternden Worte bekommen, sondern die Ansage, er müsse sich vor der Gemeindeversammlung für sein Verhalten entschuldigen. Ein uneheliches Kind, das ginge gar nicht.

Lebensplan

Ich war sprachlos – aber der Pastor hatte noch dem ganzen die Krone aufgesetzt, indem er das werdende Kind als „Kind der Sünde“ bezeichnete. Wie konnte man so lieblos auf entstehendes, neues Leben reagieren? Wie konnte man die beiden in ihrer Situation jetzt noch verurteilen?

Dass sie Mist gebaut hatten, wussten sie doch selber. Jetzt lagen sie am Boden und wussten nicht, wie es weitergehen sollte. Beide gerade mit der Schule fertig und im ersten Semester ihres Medizinstudiums. Und jetzt war ihr ganzer Lebensplan auf einmal aus den Fugen geraten. 

Ich hätte eine andere Reaktion erwartet. Ich hätte erwartet, den beiden Hilfestellung zu geben. Wir waren doch Gemeinde. Es gab bestimmt Menschen dort, die noch Babyklamotten hatten. Andere hatten sicherlich noch ein Gitterbett oder eine Wickelkommode. Und wieder andere hatten Zeit und hätten sich als Babysitter anbieten können, damit das junge Paar Zeit für sich und fürs Studium gehabt hätten.

Lieblosigkeit

Warum sind gerade wir Christen so schnell, andere zu verurteilen, erwarten aber bei uns selbst, dass Gott über jeden Mist, den wir bauen, hinwegsieht? Warum ist es so leicht, noch einmal nachzutreten, wenn jemand eh schon am Boden liegt, anstatt sich hinzuknien und zu fragen, ob und wie man helfen kann?

Besonders in christlichen Foren und Facebook-Gruppen erlebe ich es immer wieder, dass der Tonfall von Christen anderen gegenüber so hart ist, dass eine typische Berliner Baustelle wie ein Knabenchor dagegen klingt. 

Warum sind wir Menschen so? Jesus sagt in seiner berühmten Bergpredigt: „Urteilt nicht über andere, damit Gott euch nicht verurteilt“ (Matthäus 7, 1 HfA). Wenn der Gott von dem gesagt wird, er sei Liebe, in uns lebt, dann sollten wir unsere eigene Lieblosigkeit hinterfragen. 

Ich meine damit nicht, dass man Mist nicht mehr als solches bezeichnen darf. Ich kann es aber tun, indem ich lieblos den anderen verurteile oder aber, indem ich auf den Menschen schaue und ihm die Ehre wiedergebe. Meist wissen die Menschen doch selbst, dass sie Mist gebaut haben. Helfen wir ihnen doch lieber, aus dem Mist herauszukommen, als sie durch unser „Urteil“ noch mehr hineinzustoßen. 

Oder erwarten wir, dass Gott uns auch so behandelt, wie wir die anderen behandeln? Das Paar ist übrigens bis heute verheiratet. Sie haben zwei erwachsene Kinder und haben es beide geschafft, einen Beruf zu wählen, der sie glücklich macht. Das ist es doch, was zählt…

Sei gesegnet!

Weitere Gedanken und einen Song zum Tag gibt es hier: – zum selbst Lesen oder Weiterleitenhttps://juergens-gedanken.blogspot.com

Jürgen Ferrary für GottinBerlin.de