Offene Arme

Kommunikation

Seit zwei Tagen wohnt eine ukrainische Frau bei uns. Sie kommt aus Charkiw, einer der Städte, die gerade von Putins Schergen dem Erdboden gleichgemacht werden. Als sie ankam, war sie müde und verständlicherweise sehr aufgeregt, sodass selbst mithilfe von Google-Translater eine Kommunikation fast unmöglich war. Gestern dann geschah jedoch etwas, das mich tief bewegte. 

Morgens hatte ich Tatjana noch kurz gesehen und ihr geholfen, Frühstück zu machen. Mir wurde da erst bewusst, dass es auch die Kleinigkeiten sind, die Menschen aus der Ukraine das Leben hier schwer machen. Tatjana nahm eine Packung Mehl und war sich dabei sicher, dass es sich um Haferflocken handeln würde.

Das Problem ist ja nicht nur die Sprache, sondern eben auch die Schrift – und auf Kyrillisch stand eben nichts auf der Packung. 

Mit gedämpften Gefühlen fuhr ich dann zur Arbeit. Was musste diese arme Frau alles durchmachen? Vor einigen Wochen noch war sie nach einem Leben voller Arbeit Rentnerin, heute ist sie von wildfremden Menschen abhängig und braucht sogar beim Kochen von Haferflocken Hilfe. Was für ein Mut und Stärke!

Laute Musik

Als ich nachmittags nach Haue kam, klingelte mein Telefon. Ich saß an meinem Schreibtisch und versuche, den Anruf entgegenzunehmen. Aber aus dem Zimmer nebenan drang laute Musik, sodass ich Schwierigkeiten hatte, mein Gegenüber zu verstehen.

Aber es war nicht mein Sohn – es war Tatjana, die laute Lobpreismusik laufen ließ. Einige der Lieder kamen mir vom Stil her sehr bekannt vor, andere hatten einen für mich fremden Stil. Nach einer Weile kam sie aus ihrem Zimmer und strahlte. 

Das Erste, was sie tun wollte, war sich zu entschuldigen für die Lautstärke. Sie zückte ihr Handy und der Übersetzer spuckte aus, dass sie gerade eine gute Zeit mit ihrem Jesus gehabt habe. Sie wirkte ganz verändert, war gelöster und lachte fröhlich. 

Ein Zeichen von Stärke

Ihre Zeit mit Jesus hatte sie innerlich aufgebaut, sie stark gemacht, getröstet. David schreibt in Psalm 18, 7 (HfA): „In äußerster Bedrängnis schrie ich zum HERRN. Ja, zu meinem Gott rief ich um Hilfe. Da hörte er mich in seinem Tempel, mein Schreien drang durch bis an sein Ohr.“

Wenn wir mit Gott sprechen, können wir ehrlich sein. Wir dürfen lachen und tanzen, wenn uns dazu zumute ist, wir können aber auch schreien und weinen. Wenn wir ehrlich sind und unser Herz vor Gott ausschütten, dann wird er uns hören und uns begegnen. 

David macht uns klar, dass es ein Zeichen von Stärke ist, Gott seine wahren Gefühle zu zeigen und ihm sein Herz hinzuhalten, denn wie ein Vater sich um seine Kinder kümmert, so kümmert er sich dann um den Menschen. 

Ich lächelte und sagte unserem Gast, dass es absolut nichts zu entschuldigen gab. Man konnte ihr doch ansehen, wie sehr Gott sie für den Moment entlastet hatte. Besonders bewusst wurde mir das dann noch einmal, als wir Abendbrot aßen und sie uns von ihrer Familie erzählte. Ihr Sohn, ihre Schwiegertochter und die Enkel sind in Charkiw geblieben und wollen dort ausharren. Was für eine Stärke, die Familie zu verlassen.

Könnte ich diese Last in meinem Herzen tragen? Würde ich laute Lobpreismusik anschalten und erleben, dass Gott mich aufbaut und stärkt, weil ich ihn trotz (oder wegen) aller Widrigkeiten anbete? Hätte ich diese Stärke? Ich hoffe, dass keiner von uns es erleben muss, alles zu verlieren, um sich Gott gegenüber öffnen zu können. 

Gott hört dein Gebet, wenn du ehrlich bist

Wenn du ehrlich bist, hört Gott dein Gebet, wenn du zu ihm kommst. Klingt einfach, wäre es auch, wenn nicht die Worte „ehrlich sein“ und „zu Gott kommen“ in dem Satz wären. Wenn es dir schwerfällt und deine Scham dich davon abhält, dann unternimm einen Tausch am Kreuz: 

Schreibe auf einen kleinen Zettel, wie du dich fühlst und warum es dir schwerfällt, ehrlich und offen vor Gott zu treten. Und dann bringe diesen Zettel (symbolisch oder wirklich) ans Kreuz und tausche diese Gefühle mit der Freiheit, die Gott dir schenken möchte. Das wird deine Beziehung zu ihm sehr verändern und dir Stärke geben.

Sei gesegnet!

Weitere Gedanken und einen Song zum Tag gibt es hier: – zum selbst Lesen oder Weiterleiten https://juergens-gedanken.blogspot.com

Jürgen Ferrary für GottinBerlin.de