Ein Mensch kniet am Abend vor dem Kreuz

Das Gebet

Das Thema Gebet ist ein ganz einfaches und ein ganz schwieriges Thema im Glauben. Eigentlich ist es ganz einfach: Sprich mit Gott, so wie dir der Schnabel gewachsen ist. Auf der anderen Seite gibt es so viele Fragezeichen. Gibt es eine „richtige“ Gebetshaltung? Gibt es richtige oder falsche Worte? Warum verstellen manche Leute ihre Stimme beim Beten plötzlich, und warum habe ich das Gefühl, dass Gott mir nie antwortet?

Fragen über Fragen, und es gibt noch viele, viele mehr. Ich behaupte mal ganz dreist, jeder von uns hat schon einmal gebetet – ganz gleich, ob gläubig oder nicht. Spätestens, wenn wir in einer bedrohlichen Situation sind, kommt uns Menschen schnell ein „Bitte, hilf!“ über die Lippen.

Bitten und Flehen

Vielleicht wissen wir gar nicht, mit wem wir sprechen, aber das spielt manchmal auch keine Rolle, wenn die Not groß ist. Ich kann mich an solche Begebenheiten schon erinnern, als ich ein Kind war. Als ich dann Christ wurde, habe ich meine ersten Geh-Versuche mit dem Gebet unternommen.

Meist waren es auch bitten, denn ich bin Christ geworden, als es mir gerade ziemlich schlecht ging. Aber es tat der Seele irgendwie gut. Daran zu denken, dass da „jemand“ ist, der meinem Bitten und Flehen zuhören würde, verstärkte dieses Gefühl noch. 

Dann hatte ich meine ersten Erfahrungen mit Gemeinde. Und mein Mund, man glaubt es kaum glauben, verstummte. Da waren Leute, die konnten beten. Die hatten immer die richtigen Worte und dabei einen so richtig würdigen Tonfall dabei. 

Gebetsleben

Alles klag sehr ernst, fast schon feierlich – und heute würde ich sagen, ein Stück inszeniert. Auf jeden Fall hatte ich sehr schnell Beklemmungen und habe mich nicht getraut, öffentlich zu beten. Daneben erlebte ich Gebete in so manchem Gottesdienst, wohl formulierte, hochliturgische Worte, die ich nie auch nur annähernd so hinbekommen würde. 

Mein Gebetsleben wäre wahrscheinlich ziemlich schnell wieder eingegangen, wenn ich damals nicht so einen großen Seelendruck gehabt hätte und Gott dann immer wieder auch auf meine Gebete – die ich still und heimlich in meinem Kämmerlein sprach – geantwortet hätte.

Wie bete ich richtig?

Beruhigend finde ich, dass selbst die, die ganz nah bei Jesus waren, seine Freunde, nicht wussten, wie man betet. Nachdem Jesus sich wieder einmal zurückgezogen hatte, um mit seinem himmlischen Vater zu reden, sprechen sie ihn an: Als er sein Gebet beendet hatte, bat ihn einer seiner Jünger: »Herr, sag uns, wie wir beten sollen. Auch Johannes hat seine Jünger beten gelehrt.« (Lukas 11, 1 BB). Die waren auch unsicher.

Wenn mich heute jemand fragt: „Wie bete ich richtig?“, dann sage ich nicht mehr: „Sprich, wie dir der Schnabel gewachsen ist!“, denn vielleicht ist das gar nicht so hilfreich, besonders, wenn jemand unsicher ist.

Jemand hört dir zu!

Heute würde ich vielleicht sagen: „Denke daran, dass dir jemand zuhört, der dich ganz doll lieb hat, wenn du betest!“ Denn das stimmt. Gott liebt dich leidenschaftlich und bedingungslos. Es interessiert ihn, wie es dir geht, was du erlebt hast – und natürlich auch, wo du Hilfe oder Beistand im Leben brauchst. 

IHN berühren deine Tränen ebenso, wie dein Lachen, deine Freude genauso, wie deine Sorgen. Und ganz ehrlich: Es ist IHM ziemlich egal, ob du eine bestimmte Gebetshaltung hast, an einem bestimmten Ort bist, bestimmte Worte benutzt oder nicht benutzt. 

ER hat dich erschaffen. Durch und durch kennt ER dich. Deswegen ist nur eines wichtig, wenn du mit IHM sprichst: dein Herz. Sei ehrlich.

Sei gesegnet.

Gedanken und einen Song zum Tag gibt es hier: – zum selbst Lesen oder Weiterleiten – https://juergens-gedanken.blogspot.com

Jürgen Ferrary für GottinBerlin.de