Ein Löwe abgebildet auf einer  Wand

Ungeliebte Minderheit

Es ist schon einige Jahre her, da durfte ich erleben, was es bedeutet, eine ungeliebte Minderheit zu sein. Wir hatten damals mit meiner Gemeinde mehrere Veranstaltungen organisiert, zu denen wir gerne einladen wollten. Da einige Kinder und Jugendliche die zweisprachige John F. Kennedy Schule besuchten, luden wir als internationale, englischsprachige Gemeinde damals Familien der Schule ein – oder wir versuchten es zumindest. Denn kaum hatte ich ein Straßenfest in einem sozialen Netzwerk beworben, bekam ich auch schon verbale Prügel: Christen wären furchtbar, vor allem, wenn sie so radikal wären und andere einladen würden, es wäre eine Frechheit, dass wir werben würden und überhaupt sollten wir uns dorthin scheren, wo der Pfeffer wächst.

Ein Kiezfest

Ich war damals ziemlich erschrocken, denn wir organisierten ein Kiezfest mit Musikbühne, großer Hüpfburg und einer Menge Attraktionen, die alle kostenlos waren. Zusammen mit zwei anderen Gemeinden aus dem Kiez wollten wir den Menschen einfach nur Gutes tun und ihnen die Möglichkeit geben, uns einfach einmal in einer lockeren Atmosphäre kennenzulernen.

Aber das war manchen Menschen wohl schon zu viel. Ich musste damals an die ersten Christen denken, die umgeben waren von misstrauischen, sie meist ablehnenden Nachbarn. Im 1. Petrusbrief wird dies ein Stück deutlich.

Babylon

Der Brief beginnt mit den Worten: „An alle Menschen, die Gott auserwählt hat und die als Fremde überall in Pontus, Galatien, Kappadozien, Asia und Bithynien mitten unter Menschen leben, die nicht an Christus glauben“ (1. Petrus 1, 1) und endet mit einer merkwürdigen Klausel: „Die Gemeinde hier in Babylon, die genauso von Gott auserwählt ist wie ihr, sendet euch Grüße.“ (1. Petrus 5, 13).

„Babylon“ – dies ist wahrscheinlich eine kryptische Anspielung auf Rom. Rom war zur Zeit des Petrus ein Sinnbild für die Weltmächte des Alten Testaments (d. h. Assyrien, Babylon, Persien, vgl. Dan 2,36-45; 7; 8). Es war typisch für ein Weltsystem der Macht, des Hochmuts und des Götzendienstes ohne Gott (vgl. Epheser 2, 2a). Petrus schrieb aus der Höhle des Tieres selbst. Die Kirche Gottes wurde im Gebiet des Feindes gegründet.

Christentum

Als ich Kind war, war „Babylon“ in Deutschland eher selten anzutreffen. Die Mehrheit der Deutschen war in einer der großen Kirchen und waren Menschen es nicht, so wurden die Christen eher links liegen gelassen, als dass man sie angegriffen hätte. Heute braucht man nur bestimmte ethische Sätze fallen zu lassen, und man wird von „Gegnern“ schnell niedergebrüllt (sogar, wenn man nur zu einem Straßenfest einlädt).

Christen werden in allerlei Schubladen gesteckt, vor allem, wenn sie ihren Glauben ernst nehmen. Manchmal habe ich – besonders im Internet – das Gefühl, du darfst alles sein in unserem Land, nur kein überzeugter Christ. Akzeptiert wird maximal ein bisschen „Wischiwaschi“, ein Christentum, das einzig Gleichberechtigung, Umweltschutz und Frieden predigt.

Geht es um Jesus, dann ist der Aufschrei groß

Aber wehe, es geht um Jesus. Dann ist der Aufschrei schnell ganz groß. Und ganz ehrlich? Manchmal nervt das ganz schön, im Exil zu leben, dass unsere ach so tolerante Gesellschaft uns gegenüber eben nicht tolerant ist. Manchmal denke ich mir, es wäre so schön, in einer frommen Enklave zu leben, in der man als Christ eingebettet lebt zwischen lauter anderen Christen.

Aber was, wenn es uns auch guttut, wenn wir in unserem Exil leben? Was, wenn wir unsere Seele in Babylon nicht verlieren, sondern gewinnen? Was, wenn wir erleben, dass wir unser Exil nicht fürchten müssten, sondern erleben, dass Gott für uns einsteht und Angriffe abwehrt? Und dass wir im Glauben wachsen?

Kennst du das auch, dass das Babylon unserer Zeit dich unter Druck setzt und von dir fordert, dass du dich in deinen Ansichten und in deiner Kultur anpasst? Wie könnte dieses Leben in deinem Babylon dich eher stärken als schwächen?

Sei gesegnet!

„Es ist viel besser, wir sind eine schlagkräftige Minderheit, als dass wir eine lahme Mehrheit sind“ (Karl Lehmann).

Jürgen Ferrary für GottinBerlin

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